Musik, das ist Leidenschaft, Emotion und Freiheit. Nicht nur für jubelnde Besucher*innen auf Festivals und Konzerten, ebenso für die Künstler*innen auf der Bühne. Doch während Musik uns alle erfreut und verbindet, funktioniert die Musikbranche nicht zwangsläufig gerecht oder nachhaltig: Ohne großes Label im Rücken ist eine Karriere im Musikgeschäft deutlich erschwert, viele Bühnen schließen marginalisierte Personen von Bookings aus. Und wer denkt eigentlich über Umweltschutz in der Branche nach? Drei Kultur- und Kreativpilot*innen des Jahrgangs 2022 überdenken gängige Strukturen der Musikwirtschaft und entwickeln unternehmerische Lösungen mit gesellschaftlicher Relevanz.

Ein Festivalkonzept geht viral

Wo viel Medienhype entsteht, wurde meistens der Zahn der Zeit getroffen. So erging es zumindest den Ladies & Ladys-Gründerinnen Johanna Bauhus, Johanna Knoblauch und Paula Schumm, als sie 2022 das Festival „Cock am Ring” ins Leben riefen und damit bundesweit für Aufruhr sorgten. Denn statt einprozentigem Frauenanteil setzt das „Cock am Ring”-Festival vollständig auf FLINTA*-Künstler*innen und fordert so gängige Gender-Stereotypen in der Musikindustrie heraus.

„Es gibt viele strukturelle Probleme und wenig Strukturförderung in unserer Branche. Es wird generell zu wenig Verantwortung übernommen”, erklärt Johanna Bauhus. „Wir wollen die Leute ansprechen, die in der Musikindustrie die Zügel in der Hand halten und sie als Katalysatoren für den Change-Prozess gewinnen.”

„Cock am Ring” dreht aus diesem Grund die Geschlechterverteilung des namensgebendem Mainstream-Festivals ebenso bewusst um wie das eigene Label von Ladies & Ladys. Gefeatured werden auch hier ausschließlich FLINTA*-Personen sowie queere Künstler*innen. Denn in einer Industrie, die stark von persönlicher Motivation geprägt ist, sei das Risiko der Ausbeutung hoch, sagt sie:

„In der Musikwirtschaft führt Leidenschaft schnell zur (Selbst-)Ausbeutung. Als unternehmerische Gegenmaßnahme bieten wir unseren Artists Musiklabel- und Verlagsdeals an, die so fair sind, dass wir sie sogar selbst unterschrieben haben.”

Kleine Künstler*innen und Bands bekommen eigenes digitales Management

Die Herausforderung, mit der eigenen Kunst ein substantielles Einkommen zu generieren, beschäftigt auch das Gründer-Team von connactz:

„Die Streamingdienste machen die Situation für viele Musiker*innen nicht einfach, da sie kaum Geld an kleine Künstler*innen weitergeben”, erklärt Gründer Maximilian Blaschke. „Um stattdessen mit Live-Auftritten Geld zu machen, müssen Künstler*innen einen erheblichen organisatorischen Aufwand auf sich nehmen.” Die Unternehmer designten aus diesem Grund ein Tool, das die Buchung von Auftritten sowie die daran hängende Abwicklung übernimmt.

„Wir hoffen, dass wir mit connactz einen Beitrag leisten können, dass der Alltag abseits der Bühne sich mehr um die Kunst und das künstlerische Schaffen dreht”, sagt Mitgründer Jeremias Burger.

„Wir möchten, dass Künstler*innen sich auf ihre Musik konzentrieren können, anstatt sich mit Kalenderterminen, Rechnungen und Verträgen auseinandersetzen zu müssen.”

Nachhaltig planen statt langfristig aufräumen

Abseits von Bühne, Studio und Management bringen bisher nur wenige Musik und Umweltschutz zusammen. Doch auch hier gibt es Handlungsbedarf, wissen die Gründerinnen Katrin Wipper und Sarah Lüngen. Denn welche Auswirkungen die An- und Abreise von Fans, die Ernährungsgewohnheiten des Publikums oder die eingesetzte Energie für die Umwelt bedeutet, wird in der Regel nicht reflektiert. Bei der Lösung dieser Probleme setzt ihr Unternehmen The Changency an, berichtet Katrin Wipper:

Die beiden Gründerinnen vin The Changency Katrin Wipper und Sarah Lüngen.
© Nadine Kunath

„Wir beraten Bands, Managements, Festivals, Konzertveranstalter*innen, Produktionsfirmen und Co dabei, nachhaltige Praktiken in ihrem täglichen Geschäft umzusetzen.”

Der umweltbewusste Ansatz wurde bereits mit einer umfangreichen wissenschaftlichen Studie mit der Berliner Hochschule für Technik und der Band SEEED in die Praxis überführt. So konnten u.a. mehrere tausend Plastikflaschen eingespart und über drei Millionen Liter Wasser vor der potentiellen Verschmutzung bewahrt werden. Auch mit anderen Branchengrößen wie Die Ärzte und Die Toten Hosen (Labor Tempelhof) hat The Changency schon zusammengearbeitet. Zur idealen Live-Erfahrung gehört mehr als nur gute Musik, sagt Sarah Lüngen:

„Das perfekte Konzert oder Festival begeistert und schafft neben dem musikalischen Erlebnis einen konkreten Mehrwert. Es sollte neben betriebsökologischen Themen wie der Erfassung von Energie-, Wasser- und Müllaufkommen auch soziale Themen wie Awareness, Barrierefreiheit, ein ausgeglichenes Line-up und mehr beinhalten.”

Von der Nische in den Mainstream

Die Geschäftsmodelle von Ladies & Ladys, The Changency und connactz sind aus konkreten Marktlücken entstanden, denen der Branchen-Mainstream keine Beachtung schenkte. Ultimatives Ziel sei es jedoch nicht, den Mainstream aus der Ferne zu kritisieren, meint Johanna Bauhus von Ladies & Ladys. Stattdessen möchte sie ihn durch unternehmerische Impulse in die richtige Richtung bewegen:

„Wenn du FAZ, Süddeutsche und Zeit erreichst und sogar El Hotzo über dich tweetet, kann man sagen: Endlich Mainstream. So blöd das klingt: Der Einzug in den Mainstream ist wichtig für unser Thema. Und wenn wir einen guten Job machen, könnte das, was wir heute als Mainstream kennen, morgen richtig cool werden.”

 

Fotos: Nadine Kunath, Julia Meya, Flavia Rehm, Johann Angermann & Andi Dobner

Text: Felix Jung