Fast Fashion, Mikrotrends und kurze Lebenszyklen: Von der Produktion über den Versand bis zur Entsorgung verursacht unser Modekonsum gewaltige Umweltprobleme. Ganze 10 % des weltweiten CO2-Ausstosses werden durch die Kleidungsindustrie verursacht. Zusätzlich werden die Meere durch Mikroplastik belastet sowie Unmengen an Trinkwasser verschmutzt. (Quelle: Europäisches Parlament) Grund genug also, unternehmerische Lösungen dagegen auf die Beine zu stellen.

 

Die perfekte Größe ohne Retouren finden

Mit BEAWEAR hat Gründerin Verena Ziegler eine auf Künstlicher Intelligenz basierte Software entwickelt, welche dreidimensionale Scans des Körpers ermöglicht und diese mit den Passformen der Kleidungsstücke abgleicht. Eine entsprechende Größenempfehlung wird anschließend ausgesprochen. Denn nicht nur variieren Konfektionsgrößen von Marke zu Marke, ihre Standardisierung berücksichtigt keine individuellen Körperformen. Lediglich die maximale Marktabdeckung mittels minimaler Größenanzahl zählt, erklärt die Unternehmerin.

„Seit der Standardisierung von Konfektionsgrößen Mitte des 19. Jahrhunderts besteht ein Grundproblem: Bis heute können Standardkonfektionsgrößen nur ca. 30 % der Bevölkerung passformgerecht abdecken. Etwa 70 % der Menschen passen nicht optimal in Standardgrößen.”

„Etwa 70 % der Menschen passen nicht optimal in Standardgrößen.”

Als Resultat werden lieber mehrere Größen bestellt und vom Service der kostenlosen Retouren Gebrauch gemacht. Dabei wäre es nicht nur für Verbraucher*innen, sondern ebenso für den Handel und die Produktion sinnvoll, das Shoppingverhalten effektiver zu steuern. BEAWEAR bietet hierfür die Lösung, beschreibt Verena Ziegler:

„Die BEAWEAR-Technologie verspricht einen zirkulären Lösungsansatz für die Modeindustrie abzubilden, indem sie zukunftsweisende Lösungen für den Anfang der Produktion – bessere Passformen durch made2measure –, die Gebrauchsphase – Stichwort Retourenvermeidung – und das Ende des Erstgebrauchs in Form von Secondhand-Kleidung anbietet.”

Kund*innen scannen ihren Körper mit dem Smartphone und können anschließend Hosen, Hemden oder Mäntel virtuell anprobieren und somit ihre ideale Konfektionsgröße bestellen.

Schneller gebrauchte Alternativen finden

Doch bevor neue Dinge in unserem Einkaufswagen landen, lohnt sich stets ein Preisvergleich sowie die Suche nach entsprechender Gebrauchtware. Während es für Ersteres bereits diverse Anbieter*innen gibt, bleibt die Unsicherheit über die richtige Größe bei Secondhand-Artikeln ein ungelöstes Problem. Dem Planeten zuliebe muss es anders gehen, sagt Faircado-Mitgründerin Evoléna de Wilde d’Estmael:

„Die Ressourcen unseres Planeten sind endlich und wir müssen lernen, innerhalb dieser Grenzen zu leben, wenn wir eine nachhaltige Zukunft aufbauen wollen. Deshalb habe ich Faircado ins Leben gerufen, eine Browsererweiterung, die automatisch Secondhand-Alternativen für Verbraucher*innen findet, um Zeit, Geld und CO2-Emissionen zu sparen.”

 

 

Neben Mode findet Faircado außerdem Artikel aus dem Elektronik- oder Bücherangebot von über 50 Vintage-Anbieter*innen. Das Nutzen umweltfreundlicher Shoppingmöglichkeiten müsse so einfach wie möglich funktionieren, erklärt ihr Gründungspartner und CTO Ali Nezamolmaleki.

„Wir nutzen KI und maschinelles Lernen, um automatisch Secondhand-Alternativen zu den Produkten vorzuschlagen, nach denen die Nutzer*innen online suchen. Wir bieten ihnen so eine bequeme und kostengünstige Möglichkeit nachhaltig einzukaufen.”

Doch gibt es so etwas wie ethischen Konsum?

Wer sich auf Social Media zum Thema Nachhaltigkeit informiert, wird schnell feststellen, dass auch das Einkaufen in Vintage-Geschäften, das Spenden von Kleidung oder der Secondhand-Verkauf über Online-Plattformen kritisiert werden. Die Kritik: Die Popularität von Vintage-Artikeln mache diese für Menschen mit geringem Einkommen unerschwinglich, Altkleidercontainer führen zur Zerstörung lokaler Textilwirtschaften in Ländern des sogenannten globalen Südens. Es stellt sich also die Frage, inwiefern ethischer Konsum in dieser Weltwirtschaft überhaupt möglich ist. Evoléna de Wilde d’Estmael von Faircado meint:

„Unser Wirtschaftssystem braucht eine große Veränderung. Wir können nicht weiterhin so tun, als ob wir drei Planeten zur Verfügung hätten. Wir müssen unser Wirtschaftssystem in die planetarischen Grenzen zurückführen und uns auf das Wohlergehen statt auf das BIP konzentrieren, um diesen Übergang zu schaffen.”

Auch BEAWEAR-Gründerin Verena Ziegler nennt das ökologische Bewusstsein als Kernmotivation des Konsumverhaltens der kommenden Generation:

„Die Generation Z ist immer stärker für Klimaaspekte und Nachhaltigkeit sensibilisiert und erwartet, dass ihre Produkte möglichst frei von Klima- und Biodiversitätsauswirkungen sind. Sie schätzt die Abfall- und CO2-Einsparungen, die durch unsere Innovationen entstehen.”

 

„Unser Wirtschaftssystem braucht eine große Veränderung. Wir können nicht weiterhin so tun, als ob wir drei Planeten zur Verfügung hätten.“

Erst umdenken, dann einkaufen

Wenngleich sich das Mindset der jüngeren Generationen bereits an Nachhaltigkeitsparametern orientiert, bedarf es dennoch einem größeren Paradigmenwechsel, um das globale Konsumverhalten maßgeblich zu verändern. Kreativwirtschaftliche Innovationen sind einer der Schlüssel für diesen Wandel, erklärt Ali Nezamolmaleki von Faircado:

„Ethischer Konsum bedeutet, nur das zu kaufen, was wir brauchen, nachhaltige Produkte und Dienstleistungen zu wählen und den gesamten Lebenszyklus unserer Konsumgüter zu berücksichtigen. Die Technologie von Faircado soll den Menschen helfen, sich diese Gewohnheiten anzueignen und den nachhaltigen Konsum für alle zugänglicher zu machen.”

Auch Verena Ziegler sieht ihre unternehmerische Innovation als wichtigen Hebel für zukunftsweisende Entwicklung: „Laut Zukunftsinstitut GmbH werden Kund*innen in Zukunft verstärkt auf den bewussten Umgang mit Konsumgütern, Achtsamkeit (Self-Balancing) und das Personal Branding von Produkten und Dienstleistungen setzen”, sagt sie.

Mittels der Initiativen von Entrepreneur*innen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft rücken Klima- und Umweltziele hoffentlich bald in greifbare Nähe.

 

Text: Felix Jung

Fotos: Dietrich Friesen, Claudia Wild, Claudius Paul, Mario Heller, Faircado, Beawear