Ideen haben kann jeder
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Insektennahrung, Krankenhaushygiene, Trachtenmode, Virtual Reality, Trauerkultur und ein sozialeres Airbnb: Die Kultur- und Kreativpiloten 2017 geben eine ganze Menge Antworten auf die Frage: Was gehört eigentlich zur Kultur- und Kreativwirtschaft?

Ideen haben kann jeder diese Kreativen machen Unternehmen daraus

Insektennahrung, Krankenhaushygiene, Trachtenmode, Virtual Reality, Trauerkultur und ein sozialeres Airbnb: Die Kultur- und Kreativpiloten 2017 geben eine ganze Menge Antworten auf die Frage: Was gehört eigentlich zur Kultur- und Kreativwirtschaft?

Ideen haben kann jeder diese Kreativen machen Unternehmen daraus

Dass es diesmal länger gedauert hat, eine Regierung zu finden, hatte auch Konsequenzen für den neuen Jahrgang der Kultur- und Kreativpiloten. Zum ersten Mal präsentiert sich die ausgezeichneten Unternehmer*innen nicht am Anfang ihrer Reise, sondern mittendrin. Und so haben die 32 Kreativpilotenteams eben schon zwei Workshops und drei Screenings mit ihren Mentoren hinter sich. Und den Effekt des Programms bekommt man überall an den Ständen zu spüren. Teams haben sich eingespielt, Ideen sind gereift, Prototypen sind entstanden, die rauswollen in die Welt.

"Den Effekt des Programms bekommt man überall an den Ständen zu spüren."

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Das kann die Welt der Coworking-Spaces und Großraum-Büros sein, die das Trio von Floating Office mit ihren schwebenden Schreibtischen ein Stück flexibler machen will: Bei Bedarf fahren sie an die Decke und geben den Raum für Workshops und Meetings frei.
Oder die Welt der Megastädte und vom Klimawandel bedrohten Küstenregionen, in denen Lebensraum knapp wird – weswegen das deutsch-holländische Projekt Floating Food Farms schwimmende Gärten entwickelt hat, die genauso als Wohnraum dienen können. So simpel wie die Idee klingt, ist auch das Baumaterial: Styropor, in Kunststofffolie eingewickelt. „Aber es ist nicht trivial, daraus eine stabile Konstruktion zu bauen, die stark genug ist für Aufbauten“, sagt Produktdesigner Kai Uetrecht. Die eigentliche Designaufgabe aber sei es, Akzeptanz für solche Pontonlösungen zu schaffen. „Wenn ich zum Beispiel in einer Stadt Wasserflächen belegen will, muss ich eine räumliche und ästhetische Qualität bieten, die die Stadt aufwertet.“

"Von neuen Formen der Arbeit bis zur Urbanisierung: Der Kreativpiloten-Jahrgang 2017 gibt seine eigenen Antworten auf dringende Fragen der Gegenwart."

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Oberflächlich betrachtet ist Underdocks ein Gastronomie-Unternehmen, das die Hamburger Klassiker Fischbrötchen und Backfisch neu denkt im Rahmen einer international inspirierten Fischküche. „Aber eigentlich geht es darum, dass wir Räume schaffen, auf die wir Bock haben“, sagt Lidia Schawich. „Wir stehen für das junge, internationale Deutschland, wir kommen von überall und wir sind interdisziplinär: Juristen, Psychologen, BWLer, Kommunikationsdesigner.“ Nicht dabei sind: Köche. Oder sonst irgendwelche Gastronomen.
Burhan Schawich und Samet Kaplan sind Gastgeber aus Leidenschaft: „Wenn sich ein Gast bei dir bedankt, weil es ihm so gut gefallen hat – das Gefühl ist unvergleichlich.“ Als sie Kultur- und Kreativpiloten wurden, war Underdocks nur eine Idee.

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Geklärt sind inzwischen auch die Rollen im Team. „Dafür waren die Screenings mit unseren Mentoren unglaublich wichtig,“ sagt Lidia Schawich, die – anders als ihr Mann Burhan – nicht ins Unternehmen eingestiegen ist, sondern als Freiberuflerin mitarbeitet.
Obwohl das feste Restaurant erst im April eröffnen soll, ist Underdocks schon unter den Finalisten des Deutschen Gastro-Gründerpreises. „Quereinsteiger wie wir sind ein Schock für die klassischen Gastronomen, die eine sehr gute und teure Ausbildung hinter sich haben“, sagt Burhan. „Köche sind immer auch Künstler. Unsere Rezepte kann ich einem interessierten Laien schnell erklären, dann klappt das.“ In einem Jahr wollen Burhan und Samet so weit sein, dass sie nicht mehr jeden Tag am Herd stehen müssen – und dann soll es ganz allmählich mal in Richtung zweite Filiale gehen.

Eine kulinarisch ausgereifte zwar, die Rezepte standen, und die befreundeten Macher eines erfolgreichen Burger-Restaurants hatten die beiden intensiv beraten. Aber würde sich das Konzept tragen? Und würden die Gastro-Neulinge das durchhalten, den Stress, jeden Tag am Herd, die Familie nur in den Randstunden sehen? Einen Monat lang machten sie den Reality-Check in einem Popup-Restaurant im Hamburger Schanzenviertel, dann war klar: Wir machen das! „Und eine bessere Marktforschung kannst du nicht haben“, sagt Burhan. „Ich habe mir zuerst einen abgebrochen damit, zum Backfisch einen schönen bunten Kartoffelsalat zu machen. Aber nein, die Leute wollten ihre Pommes“. An anderen Stellen sind die Kunden weniger konservativ: „Ein Salat muss heute ‚Bowl‘ heißen. Und ‚Nordseekrabben‘ liefen auch nicht – ‚Flusskrebse‘ oder ‚Crayfish‘ schon“.

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Bereit fürs Geschäft sind auch die Gründer von The Night Bank, einer Art Airbnb mit sozialem Anspruch: „Viele Leute würden gerne Entwicklungshilfeprojekte unterstützen, können aber kein Geld spenden,“ sagt Michael Zöller. „Aber jeder hat `ne Couch“, die er über die von Martin programmierte Plattform vermieten kann. Das Geld fließt in ein vom Anbieter ausgewähltes Hilfsprojekt. Nightbank tritt als Vermittler auf und nimmt eine Provision, die das gemeinnützige Unternehmen auf Dauer wirtschaftlich tragfähig machen soll. „Gemeinnützigkeit sehen viele Investoren leider nicht so gerne“, sagt Michael, „dabei könnten wir jetzt gut einen Push brauchen, um das Marketing hochzufahren.“

"Jeder hat `ne Couch"

In Sachen Selbstdarstellung haben er und sein Mitgründer Michael Hoffmann in den Workshops und Screenings schon viel Strecke gemacht. „Am Anfang haben wir Night Bank noch beschrieben als ‚The Altruism Conversion Machine‘“, sagt Michael und fügt erklärend hinzu: „Ich habe halt mal Philosophie studiert.“
Marketing ist eines der wichtigsten Themen in den Screening-Sitzungen, sagt Martin Horst. 2016 war er mit seiner Crossmedia-Agentur 13 Grad selber Kultur- und Kreativpilot, in diesem Jahr ist er zum ersten Mal als Mentor dabei. „Es ist toll, das weiterzugeben, was wir als Kreativpiloten selber bekommen haben“, sagt er. „Neben Marketing geht es immer wieder um die Themen Mitarbeiter und Wachstum: Wie mache ich aus einer Idee ein richtiges Unternehmen?“ Wobei ihm schon bei den Jury-Sitzungen aufgefallen ist, wie professionell die meisten Kreativpilotenteams auftreten. „Und was für ein breites Spektrum sie abdecken! Wir haben in diesem Jahr wirklich die ganze Bandbreite der Kultur- und Kreativwirtschaft.“

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Und wie schmecken eigentlich Kakerlaken? „Gar nicht so gut, wie man denken könnte“, sagt Timo Bäcker und grinst. Zusammen mit seinem Mitgründer Christopher Zeppenfeld hat er auf einer Asienreise Geschmack am Krabbeltier gefunden. Überprüfen lässt sich diese Aussage an ihrem Stand indes nicht: In die Energieriegel, die ihr Start-up Swarm Protein herstellt, kommen keine Kakerlaken, sondern viel mehr„köstliche Zikaden“.

Für die Welternährungsorganisation gelten Insekten als wichtige Nahrungsquelle des 21. Jahrhunderts. Swarm Protein macht da einen Anfang und zeigt gleichzeitig, wie wir nachhaltig fit werden können.

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Neben Virtual Reality-Unternehmen wie TimeLeapVR und VRBASE steht klassisches Handwerk in der Form des alternativen Hochzeits- und Historienmodenlabels DarkDirndl. Upcycling-Unternehmen verwerten Fischleder aus der Lebensmittelindustrie und Hightech-Bauteile aus der Luftfahrt. Die Künstleragentur wird neu gedacht, um weibliche Talente sichtbarer zu machen. Und eine ganze Reihe von Unternehmen entwickeln aus einer Design-Perspektive heraus neue Antworten auf alte Fragen. Wieso sterben in Krankenhäusern so viele Menschen an vermeidbaren Infektionen? Warum muss ich mich 21. Jahrhundert immer noch mit erdrückenden Textschwarten herumquälen, um für mein Medizinstudium zu lernen?

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Was man als Kultur- und Kreativpilot schnell lernt: Ohne den richtigen unternehmerischen Spirit bleibt eine schöne Idee nur eine schöne Idee, die nichts verändert. Aber genau darum geht es ja, etwas anders zu machen und zu sagen: So wollen wir in der Zukunft leben.

"Bilder: William Veder"

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