Weniger Klischees, mehr Wissenschaft: Psychotherapie #bessermachen
Weniger Klischees, mehr Wissenschaft: Psychotherapie #bessermachen

Warum kommen in der Psychotherapie so wenige Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung an? Warum werden Angehörige von psychisch Erkrankten immer noch so schlecht aufgeklärt? Die Startups Psycurio und Shitshow wollen neue Wege im Umgang mit psychischen Krankheiten gehen.

Weniger Klischees, mehr Wissenschaft: Psychotherapie #bessermachen

Warum kommen in der Psychotherapie so wenige Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung an? Warum werden Angehörige von psychisch Erkrankten immer noch so schlecht aufgeklärt? Die Startups Psycurio und Shitshow wollen neue Wege im Umgang mit psychischen Krankheiten gehen.

Weniger Klischees, mehr Wissenschaft: Psychotherapie #bessermachen

Als Luisa Weyrich, the Shitshow, sich zum ersten Mal damit beschäftigt, wie das Informationsmaterial für Depressive und ihre Angehörigen aussieht, ist sie erstaunt: „Immer diese Opfer-Perspektive. Immer guckt da einer traurig in schwarz-weiß aufs Meer, und dann legt sich von hinten eine helfende Hand auf seine Schulter.“ Luisa denkt: Das muss doch anders gehen.

Als Daniela Schumacher, Psycurio, zum ersten Mal in der psychotherapeutischen Ambulanz Patient*innen empfängt, ist die Psychologiestudentin erstaunt: „Egal wie stark die Menschen psychisch erkrankt waren, wir mussten ihnen sagen, dass sie erst in zwölf Monaten einen Therapieplatz bekommen. Das fand ich erschreckend.“ Daniela denkt: Das muss doch anders gehen.

Heute setzen Daniela und Luisa neue Akzente in der Behandlung von seelischen Erkrankungen. Als Querdenkerinnen bringen sie neue Sichtweisen in eine konservative Branche ein: „Psycurio“ und „Shitshow – Agentur für psychische Gesundheit“ heißen ihre Startups, die zeigen, was möglich ist, wenn man mit einem unverstellten kreativen Blick an Probleme herangeht, mit denen sich viele schon abgefunden haben. Beide sind darum in diesem Jahr von der Bundesregierung mit dem Titel “Kultur- und Kreativpiloten Deutschland” ausgezeichnet worden.

Psycurio entwickelt Virtual-Reality Software für die Psychotherapie – Shitshow entwickelt Kommunikationsformate, zum Beispiel Ausstellungen, in denen die Besucher*innen körperlich erfahren können, wie sich eine Depression anfühlen kann.

Mit dem Virtual Reality-System von Psycurio schicken Therapeut*innen ihre Patient*innen in Situationen, die sie zu bewältigen lernen sollen. „In der virtuellen Realität können Menschen ihre Ängste überwinden, neue Verhaltensweisen oder Entspannung lernen“, sagt Daniela. „Und sie können durch Erfahrungen lernen. Ein Patient mit Sozialphobie zum Beispiel kann üben, einen Vortrag vor einer Gruppe von Menschen zu halten.“ Normalerweise fänden solche „Expositionen“ in der Wirklichkeit statt: „Da müssen die Patient*innen zum Beispiel in der Fußgängerzone Aufgaben erfüllen.“ Oft fehle dafür aber in der Therapie die Zeit, dann bleibe es bei der weniger effektiven Konfrontation nur in Gedanken.

Das Problem mit den echten Expositionen: Sie seien für die Patient*innen sehr unangenehm, darum werde die Therapie häufig abgebrochen. Der Therapierfolg sei schwer messbar, die Situationen unberechenbar. „Man kann ja nicht steuern, wie die Situation verläuft, und man kann sie auch nicht wiederholen, um an einem Detail anzusetzen“, sagt Daniela. In der virtuellen Realität können Patient*innen jede Situation wiederholen, Therapeut*innen die Fortschritte begutachten. Ein weiterer Vorteil: „Wir können physiologische Daten messen, zum Beispiel den Herzschlag und den Patient*innen zeigen: Schau, hier ist eine ganz objektive Verbesserung. Dieses Echtzeitdaten-Feedback ist sehr motivierend.“

Die Kombination von VR-Therapie und sensorischen Daten ist eines der Alleinstellungsmerkmal von Psycurio. Geforscht werde in diesem Bereich schon seit über zehn Jahren, nur in der Praxis sei eben wenig davon angekommen, sagt Daniela. Mit diesem Gedanken war sie in einen Hackathon am Exzellenzclusters Kognitive Interaktionstechnologie Citec in Bielefeld gegangen. Mit einem internationalen Gründerkolleg in Tel Aviv und Berlin ging es weiter. Heute arbeitet sie in einem Team von Programmierer*innen, kognitiven Informatiker*innen, Wirtschaftswissenschaftler*innen und Psycholog*innen, das die Technik weiterentwickelt, an Förderanträgen sitzt und mit Kliniken und Krankenkassen darüber spricht, wie Psycurio in Behandlungspläne integriert werden kann.

Für die drei Gründerinnen von Shitshow kam es eher überraschend, dass sie sich als Startup-Gründerinnen wiederfanden. Den Grundstein für The Shitshow legten sie in einem Seminarprojekt an der Berliner Universität der Künste (UdK). „Aus einer persönlichen Betroffenheit heraus haben wir uns da mit dem Themenfeld der psychischen Gesundheit beschäftigt und junge Leute befragt: Wie fühlt es sich körperlich an, wenn es euch psychisch nicht gut geht?“

Aus den Antworten entwickelten die Drei verschiedene Objekte, die man nicht einfach anschaut, sondern anzieht oder überstreift. Das „Cape“ zum Beispiel, eine Gewichtsweste, die das Gefühl erfahrbar macht, wie mit Blei behangen durch den Tag zu gehen. Die „Glocke“, ein Kunststoffhelm, durch den man die Welt wie durch einen Schleier sieht. Oder der „Beuger“, der jedem klarmachen sollte, warum „lass den Kopf nicht hängen“ für Depressive ein wenig hilfreicher Vorschlag ist. „Moodsuits“ (Stimmungsanzüge) nennen die drei ihre Objekte, die das erfahrbar machen, was sich in Worten so schlecht vermitteln lässt – ein wichtiger Beitrag zur Therapie „Neuere Studien zeigen, dass es ganz wichtig ist, dass das Umfeld der Betroffenen geschult oder einfach sensibilisiert werden muss für die Krankheitsbilder.“

Dass aus dem Projekt mehr geworden ist als eine Semesterarbeit, liegt am Berliner Studierendenwerk. „Als die unsere Objekte gesehen haben, wollten sie diese gerne als eine Ausstellung im Foyer eines ihrer Wohnheime haben“, sagt Luisa. „Suizidprävention ist besonders in Wohnheimen ein Thema – das Studierendenwerk wollte mit unserer Arbeit Studierende für Depressionen sensibilisieren.“ Das Pilotprojekt war ein Volltreffer: „Die Studierenden waren sehr intensiv dabei, sie haben sich gegenseitig die Objekte aufgesetzt und sind richtig über die Erfahrung ins Gespräch gekommen.“

Dazu beigetragen habe auch die zeitgemäße Gestaltung und niedrigschwellige Sprache: „Die haben wir ganz bewusst gewählt. Depression wird heute zwar mehr thematisiert als früher, aber wenn man sich die Sprache und die Bilder ansieht, dann tragen die Betroffenen immer noch sehr das Stigma des Opfers, das Hilfe von den Angehörigen braucht. Denen fällt aber meist auch nicht mehr ein als: Das wird schon wieder.“ Wie ihre Objekte den Dialog zwischen Patient*innen und ihren Angehörigen in Gang bringen, hat Luisa erlebt, als sie ihre Ausstellung in einer psychiatrischen Klinik zeigten: „Als dort eine Betroffene ihrem Vater die Gewichtsweste reichte und sagte: Schau Papa, so fühlt sich das an! Das war ein sehr berührender Moment.“

Neben psychoedukativen Wanderausstellungen sollen auch Lehrmaterialien ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells von The Shitshow werden, dazu kommen Workshops für verschiedene Auftraggeber. „Der Ausbau unseres Portfolios ist gerade das dominierende Thema mit unseren Mentoren, die wir als Kultur- und Kreativpiloten Deutschland bekommen haben.“

The Shitshow und Psycurio sind zwei von 32 Teams, die 2018 mit diesem Titel ausgezeichnet wurdet. „Es war für uns eine schöne Bestätigung, dass eine Jury, die schon so viele Neugründungen gesehen hat, unser Potenzial erkennt“, sagt Luisa. Die offizielle Anerkennung sei auch hilfreich bei Gesprächen mit der eher konservativen und Männer-dominierten Gesundheitsbranche. „Wir sind da mit unserem künstlerischen Hintergrund die totalen Aliens. Aber was ich immer wieder schön finde, ist, wie ernst wir genommen werden mit dem, was wir geschaffen haben. Das sind Gespräche auf Augenhöhe, auch mit Klinikchefs und Chefärzten.“

Auch Daniela hat die Erfahrung gemacht, dass man sich als junge kompetente Frau in der Gesundheitsbranche Respekt verschaffen kann. Hürden sieht sie eher in der Startup-Szene: „Auf Messen und Investoren-Events ist man oft in der gesamten Historie des Events die erste Frau, die dort pitcht.“

Das muss doch auch anders gehen.

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