So geht moderne Erinnerungskultur
So geht moderne Erinnerungskultur

Was erinnert man wo? Wie kann man Erinnern gestalten? Das haben sich die beiden Kreativpiloten Teams von hannsjana und Bluespots Productions gefragt. Heraus kam ein eindrucksvoller Audiowalk zum Gedenken an die Zwangsarbeiter in der NS-Diktatur.

So geht moderne Erinnerungskultur

Was erinnert man wo? Wie kann man Erinnern gestalten? Das haben sich die beiden Kreativpiloten Teams von hannsjana und Bluespots Productions gefragt. Heraus kam ein eindrucksvoller Audiowalk zum Gedenken an die Zwangsarbeiter in der NS-Diktatur.

So geht moderne Erinnerungskultur

Wenn Kultur- und Kreativpiloten unterschiedlicher Jahrgänge kooperieren, entstehen Dinge wie das Projekt „Memory Off Switch“. Das Augsburger Theaterensemble Bluespots Productions und das Künstlerinnenkollektiv hannsjana aus Berlin haben einen Audiowalk zum Gedenken an die Augsburger Zwangsarbeiter im Dritten Reich produziert, der niemanden kalt lässt.

„Wer überleben will, muss reden“  –  wer die aufwühlenden Geschichten der beiden Holocaust-Überlebenden Judith Kalmann Mandel und Witold Ścibak während des Audiowalks hört, kann die Relevanz der Erinnerung förmlich am eigenen Körper spüren. Ihre Berichte von den unvorstellbaren Gräueltaten des Naziregimes mahnen, nicht zu vergessen und sollen verhindern, dass so ein Leid jemals wieder geschieht. In dieser Tradition sieht sich auch das Memory-Off-Switch-Team: „Die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur werden ihre Geschichte bald nicht mehr selbst erzählen können“, sagen sie auf ihrer Homepage. „Jetzt ist es an uns, die Erinnerungen zu beleben!“ Wie eindrucksvoll ihnen das gelungen ist, konnte man bei der Uraufführung von Memory Off Switch beobachten.

Rund 100 Neugierige sind am 30.7. in Augsburg zusammen gekommen. Deutlich mehr als das Audiowalk-Team an diesem Sommertag mit 31 Grad im Schatten erwartet hatte. Als auch die letzten Teilenehmer ihre Kopfhörer aufgesetzt und den ersten Track gestartet haben, sind die ersten schon fast am Ende der langgezogenen Halle 116 angekommen. Mit neugierigen Blicken, großen Augen und anfangs noch hektischen Handgriffen zu Smartphone oder MP3-Player setzt sich jetzt die gesamte Menschentraube in Bewegung. Es geht entlang des historischen Baus mit den verblichenen großen Holztoren an seiner Längsseite. Hier im Augsburger Stadtteil Pfersee in der Karl-Nolan-Straße startet das Abenteuer im eigenen Kopf. „Hallo und herzlich willkommen zu Memory Off Switch – der Audiowalk“, spricht die Stimme im Ohr. „Wir freuen uns, dass Sie sich dazu entschieden haben, sich mit der Geschichte Augsburgs auseinander zu setzen.“

Was so harmlos und vermeintlich nüchtern beginnt, wird sich in Laufe der Strecke schnell als emotionale Tour-de-Force durch Geschichte, Gegenwart und eigene Gedankenwelten entpuppen. Eine genauso scharfsinnige wie auch einfühlsame Gefühlsstrapaze, die hinterher – so viel sei hier schon verraten – aber keiner der Teilnehmer missen möchte. Einen gemütlichen Spaziergang hatten die Macher*innen von Memory Off Switch aber auch nie im Sinn. Das Augsburger Theaterensemble Bluespots Productions, das Künstlerinnenkolletiv hannsjana aus Berlin und das ebenfalls in der Fuggerstadt ansässige Kulturhaus Abraxas wollen mit ihrem Projekt „aufrütteln, erinnern und Geschichte begehbar machen“, wie Leonie Pichler, die Künstlerische Leiterin von Bluespots Productions sagt.

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Kurz vor Kriegsende, 1944 und 1945, wurden in Augsburg, hier in der Halle 116, rund 2000 Zwangsarbeiter gefangen gehalten. Das langgezogene Gebäude war eine Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau. Drahtzäune unterteilten die Halle in acht Schlafblöcke. Die Zwangsarbeiter schliefen auf engstem Raum und unter menschenunwürdigen Umständen im Rhythmus ihrer zwölf-Stunden-Schichten in den rund elf Kilometer entfernten Messerschmidtwerken in Haunstetten. Zweimal täglich mussten sie die Distanz zu Fuß zurücklegen. Oft barfuß, auch bei Regen, Schnee und Krankheit. Wer nicht gehorchte und funktionierte, wurde später gehenkt oder noch auf dem Weg kurzerhand von den SS-Offizieren erschossen.

Ein dunkles Kapitel der Deutschen und der Augsburger Geschichte, das selbst den meisten Einwohnern nicht präsent ist.  Was auch daran liegt, dass die, die es besser wissen müssten, sich der Erinnerung verweigern: Die aus den Messerschmidtwerken hervorgegangene Firma Premium Aerotec, die zum Airbus-Konzern gehört, verdrängt ihre unrühmliche Vergangenheit bis heute aktiv. „Trotz mehrerer Anfragen gab es weder von Premium Aerotec noch von der Messerschmidt-Stiftung Unterstützung für unsere Idee des Gedenkwalks“, sagt Leonie. Glücklicherweise bekam das Projekt-Trio um die beiden Kultur- und Kreativpiloten-Titelträger Bluespots und hannsjana ideelle und finanzielle Unterstützung von den Organisatoren des jährlichen Friedensfests Augsburg, der ArnoBuchegger-Stiftung und der Bäckereikette Ihle.

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So konnte sich das Team an die Umsetzung ihrer Idee machen: Der Audiowalk orientiert sich an dem Elf-Kilometer-Martyrium der Zwangsarbeiter, von ihrer Unterkunft in der Halle 116 bis zu den ehemaligen Messerschmidtwerken. Den Weg vom Norden in den Süden der Stadt erwecken die Künstler mit persönlichen Geschichten, Zeitzeugenberichten, zeitgenössischen Texten und Musik eindrucksvoll zum Leben. Neun verschiedene Tracks gibt es auf der Memory-Off-Switch-Tour zu hören. Wann sie einzuschalten sind, verraten Schilder entlang des Weges und die Hinweise der Stimme im Ohr des Audiowalkers. Die Idee dazu hatte die Bluespots-Truppe und Gerald Fiebig vom Kulturhaus Abraxas schon länger.

Nur in Sachen Audio-Expertise suchten sie noch Verstärkung. Da traf es sich, dass Leonie als Kultur- und Kreativpilotin 2014 bei einem Workshop den aktuellen Titelträger-Jahrgang kennenlernen konnte. hannsjana hat aus Musik, Hörspielen und Audioperformances eine eigene Kunstform kreiert. „Die Spezialistinnen habe ich dann bei einer abendlichen Tischtennis-Runde gefragt, ob sie Lust hätten, mit uns was zu machen“, sagt Leonie. Katharina Siemann und Marie Weich hatten Lust. „Uns hat gleich sehr gut gefallen, was Leonie über das Projekt erzählt hat“, sagt Marie. Ein paar Wochen später, im Februar 2017, ging das neu formierte Projekt-Trio die Strecke erstmals ab.

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Neben der gesamten Tonproduktion, inklusive des Schnitts, haben Katharina und Marie auch zwei Tracks gestaltet: „Wir haben uns dabei mit Erinnerungskultur auf einer Meta-Ebene beschäftigt. Also was erinnert man wo? Wie kann man erinnern gestalten? Und welche Möglichkeiten gibt es da schon? Was sind Denkmäler, was Mahnmale?“, sagt Katharina. Was dabei herausgekommen ist, können die Audiowalker rund zehn Minuten nach dem Start an Halle 116 hören. Mitten im Sheridan-Park, einem Neubaugebiet, das nach der 1998 von den amerikanischen Streifkräften verlassenen Sheridan-Kaserne benannt wurde, beginnt da etwa das Präriegras zum Zuhörer zu sprechen.

Auch ein altes Kasernenhaus berichtet von seinem Auftrag, den Betrachter zu erinnern. Und der Wegweiser „Mietek-Pemper-Weg“ mitten im Park erklärt, warum er da steht, wo er steht. Nicht um den Weg zu weisen, sondern vielmehr, um dem Holocaust-Überlebenden Mietek Pemper zu gedenken. Als das Schild fertig ist, fordert es das Publikum auf: „Jetzt will ich von Ihnen etwas wissen“ und fragt drauflos. Wer mit Ja antworten kann, macht einen Schritt nach vorne. Alle machen mit. Die Freiluft-Choreographie muss für den unbeteiligten Beobachter komisch aussehen: hundert Menschen mit Kopfhörer tappen mehr oder weniger beholfen herum.

„Toll, dass das geklappt hat“, sagt Katharina. Man wisse ja im Voraus nie genau, wie so eine Idee angenommen wird. „Wir haben versucht, das eher schwierige und sperrige Thema Erinnerung so spielerisch und leichtfüßig wie möglich aufzuarbeiten.“ Von leichter Kost kann beim Holocaust aber keine Rede sein. Trotzdem bot die interaktive Performance im Sheridan-Park einen neuen und leichten Zugang zu einem Thema, mit dem sich viele aus Bequemlichkeit nicht befassen möchten. So ging es auf dem Audiowalk weiter: Memory Off Switch nahm immer wieder neue Perspektiven an, Langweile kam auf den gut dreieinhalb Stunden nie auf.

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Einen Track später etwa, auf dem weiteren Weg durch den Stadtteil Pfersee, stellte die Bluespots-Autorin Evamaria Haas fest, was sie alles nicht über ihren Wohnort und dessen Geschichte und den Weg der Zwangsarbeiter wusste. Straßennamen erinnern hier an die Freiheitskämpfer Bebo Wager und Hans Adlhoch. Eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema wagt dann Leonie: Sie beschreibt, wie der nur oberflächliche und ungenaue Blick ihres Vaters auf die Geschichte des KZ Dachau sie selbst und ihre Familie belastet – und wie sie damit umgeht. So offen und lehrreich, hört man das sonst nicht. Allein diese Geschichte, der man während des Wegs entlang des vor sich her plätschernden Flusses Wertach lauscht, ist die Reise nach Augsburg wert.

Für das Team war das Projekt schon vor der Uraufführung ein toller Erfolg: „Die Zusammenarbeit lief großartig, wir werden ganz sicher weiter Projekte zusammen machen“, sagt Leonie. Als sie damals zusammensaßen, kurz vor der Premiere, sagten Katharina, Marie und Leonie: „Für uns wird das Feedback vom Publikum extrem wichtig. Haben wir etwas ausgelöst? Konnten wir ihre Gedanken anregen?“ Die Blicke der Audiowalker, die an diesem Abend im Juli nach und nach in Haunstetten am Sitz von Premium Aerotec ankamen, ließen keine Fragen offen. Memory Off Switch verändert den Zuhörer. Das kann jeder, der möchte, selbst testen: Auf der Website von Bluespots Productions sind die neun Tracks von Memory Off Switch jederzeit frei abrufbar.

 

Bildcredits: hannsjana / Bluespot Production

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