Peter Altmaier: Warum Deutschland kreatives Unternehmertum braucht
Peter Altmaier: Warum Deutschland kreatives Unternehmertum braucht

Sie gehen Risiken ein, entdecken Talente und beleben ländliche Regionen: Der Wirtschaftsminister wünscht sich mehr Gründer*innen wie die „Kultur und Kreativpiloten Deutschland“.

Peter Altmaier: Warum Deutschland kreatives Unternehmertum braucht

Sie gehen Risiken ein, entdecken Talente und beleben ländliche Regionen: Der Wirtschaftsminister wünscht sich mehr Gründer*innen wie die „Kultur und Kreativpiloten Deutschland“.

Peter Altmaier: Warum Deutschland kreatives Unternehmertum braucht

Niemand ist kreativer als Politiker*innen morgens um halb zwei, sagt Peter Altmaier: „Wenn der Koalitionsausschuss um keinen Millimeter vorangekommen ist und die ersten Sonnenstrahlen am Horizont erahnbar sind: Wie kreativ die Beteiligten dann werden!“ Noch kreativer, findet der Bundeswirtschaftsminister, ist nur eine Branche, die er bis vor wenigen Jahren gar nicht gekannt habe: „Jahrelang wusste ja niemand so richtig, wer Sie sind!“ Gemeint ist die Kultur- und Kreativwirtschaft, an diesem Nachmittag im Wirtschaftsministerium vertreten durch 32 Teams, die sich in dieser Branche selbstständig gemacht haben.

Mode und Möbel, Virtual-Reality-gestützte Psychotherapie und Spezialtraining für Tanzkompanien, Trinkwassergewinnung und Baustoff-Recycling: Wer die Stände draußen vor dem Saal abarbeitet, dem wird schnell klar, warum die Kultur- und Kreativwirtschaft so schwer fassbar ist. „Früher habe ich gedacht, Sie sind alle Designer“, sagt Altmaier den Gründer*innen, die heute von der Bundesregierung des Titel „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ verliehen bekommen. Diese Vielfalt hat schon seine Amtsvorgänger beeindruckt – welches Potenzial darin steckt, das will Altmaier noch in diesem Jahr auf einer großen Fachkonferenz vertiefen lassen. Im Gespräch sei auch ein neues Förderprogramm für „nicht-technische Innovationen“, wie das Wirken von Kreativen im traditionellen Deutsch der Branchendefinitionen genannt wird.

Kultur- und Kreativwirtschaft nutzt Potenziale, die andere übersehen

Hinter Altmaiers Plänen steckt die Erkenntnis, dass die Vielfalt der Kultur- und Kreativwirtschaft mehr ist als das „Sahnehäubchen“, das eine hoch entwickelte Volkswirtschaft ziert. Sie macht diese Volkswirtschaft widerstandsfähiger und zukunftssicherer. Weil die Kultur- und Kreativwirtschaft Potenziale nutzt, an denen konventionellere Branchen oft vorbeigehen:

Sie bietet Raum für Menschen, bei denen sich nicht gleich im ersten Anlauf Geburt und Bildung und Beruf glücklich fügten. So wie Patrick Rump, der aus schwierigen Verhältnissen kommt und seine Rettung im Leistungssport fand. Heute ist er Mitgründer des Sportcoaching-Startups „Gjuum“ und hilft Weltklasse-Tänzer*innen dabei, gegen schwere Verletzungen anzutrainieren. Und arbeitet mit Jugendlichen, die wie er keinen leichten Start ins Leben hatten.

Sie nutzt Ressourcen, die andere gar nicht wahrnehmen. So wie das Fleisch chinesischer Wollhandkrabben und anderer eingeschleppter Krebse, die sich in Deutschland unaufhaltsam ausbreiten – und jetzt in den Kreationen von „Holycrab“ auf den Teller kommen.

Und sie gedeiht in Regionen, die abseits von Startup-Hochburgen wie Berlin, Hamburg und München liegen. So wie die alte Möbelbauregion Ostwestfalen, in der sich das exklusive Label „Goldau&Noelle“ gegründet hat, das eine dahinsiechende Schreinerei mit neuen Aufträgen belebt.

„Wir wollen erreichen, dass die Menschen nicht immer nur zur Arbeit kommen“, sagt Altmaier. „Sondern die Arbeit auch ein Stück weit zu den Menschen bringen, damit sie in einer menschenwürdigen Umgebung leben können.“ Wenn Gründer*innen in den Regionen erfolgreich sind, machen sie diese Regionen sichtbarer. Für den Minister ein wichtiger Beitrag zu dem Bild, das Deutschland von sich hat – und das es anderen präsentiert: „Wir sind nicht multi-kulti, aber wir sind auch nicht uniform.“ Altmaier wünscht sich, dass Alteingesessene und Neubürger*innen gleichermaßen ihre Zukunft nicht nur in den Ballungszentren sehen.

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Warum es Kreative aufs Land zieht

Außerhalb von Berlin, Hamburg und München eröffnen sich für Kreative ganz neue Möglichkeiten, findet auch Julia Paass, die für die anschließende Podiumsdiskussion ins Ministerium gekommen ist: „Man kommt raus aus der Blase und entwickelt neue Ideen“, sagt die Gründerin des Projekts „Zukunftsorte“, ein Netzwerk von Gründungsprojekten im ländlichen Raum, die ihr Wissen teilen. Eines der Projekte ist der Brandenburger Coworking-Space „Coconat“, der ebenfalls den Kreativpiloten-Titel erhalten hat – und ein Beispiel dafür ist, dass Gründer*innen auf dem Land andere Dinge lernen müssen als in der Stadt. Zum Beispiel, wie man Highspeed-Internet bekommt. Oder wie wichtig echte menschliche Beziehungen sind, wenn man hier einen Fuß auf den Boden bekommen will im Miteinander von Alteingesessenen, Zugezogenen und Heimkehrer*innen.

Auch wenn es viele romantische Klischees gibt über Städter*innen, die aufs Land ziehen: „Es gibt hier wirklich ein riesiges Potenzial, gemeinsam Dinge aufzubauen“, sagt Paass. Platz ist ja genug da, auch Fördergelder wären vorhanden – wenn sich die Programme mehr am echten Leben und weniger an Abteilungsgrenzen orientieren würden: „Was gefördert wird, ist oft viel zu speziell festgelegt – so funktioniert Gesellschaft einfach nicht.“

Dass Förderprogramme für den ländlichen Raum oft an der Realität vorbeigehen, erlebt auch Matthias Leitner. Als Teil des Projekts Phase XI des Kompetenzzenturms Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes hat er 2017 das „Creative Alps“ mitgegründet. Ein Forschungsprojekt von Kreativen aus verschiedenen Alpenländern, die gemeinsam ausloten, welche Potenziale die Bergregionen haben und welche Impulse sie brauchen. „Die klassischen Fördertöpfe sind viel zu ergebnisorientiert“, sagt Leitner. „Da haben die Verantwortlichen schon vorher ganz konkrete Vorstellungen davon, welche Maßnahmen sie sinnvoll finden – aber die Menschen vor Ort brauchen vielleicht etwas ganz anderes.“

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Förderinstrumente müssen neu gedacht werden

Mehr Förderung für Netzwerke, für Exploration – es ist ein empirischer, ein Forschungs- und Daten-gestützter Ansatz, den Leitner vertritt. Was so gar nicht passen will zu dem Klischee des Kreativen. Dafür passt es zu dem, was heute als State-of-the-Art im Innovations- und Gründungswesen gilt: Weg von dem gewaltigen, am grünen Tisch geschmiedeten Plänen, die mit großem Aufwand umgesetzt und ausgerollt werden. Hin zum frühen Kontakt mit den Kund*innen, zur radikalen Orientierung an ihren Bedürfnissen, zur Entwicklung in kleinen Schritten: Produktentwickler*innen orientieren sich heute an Konzepten der empirischen Wissenschaften, sie stellen Hypothesen auf und testen sie in Experimenten.

„Versuch und Irrtum ist möglich, Scheitern ist möglich“, sagt Altmaier. Aber wer dieses Risiko eingeht, der kann Hypothesen bestätigen, die andere sofort verworfen hätten. Zum Beispiel die, dass man in Deutschland wieder Produktionslinien ansiedeln kann, die schon lange als verloren galten. Trekkingrucksäcke und andere Gepäckstücke zum Beispiel, die „Red Rebane“ nicht in Vietnam, sondern in Mecklenburg-Vorpommern produziert. So erfolgreich, dass die Schneiderei schon längst zu klein ist, um die vielen Bestellungen abzuarbeiten. Weswegen zwei Schweriner Jungs, die eigentlich nur die Rucksäcke bauen wollten, die sie sich selbst immer gewünscht hatten, auf einmal mit Themen wie Investoren-Suche zu tun haben. Kreativität erlebt man eben nicht nur nachts in Berlin.

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