Diese Startups zeigen, wie man abseits vom Mainstream gründet
Diese Startups zeigen, wie man abseits vom Mainstream gründet

Nichts gegen Berliner Blockchain-Buden: Aber zur Abwechslung schauen wir doch mal darauf, was Gründer sonst noch alles auf die Beine stellen.

Diese Startups zeigen, wie man abseits vom Mainstream gründet

Nichts gegen Berliner Blockchain-Buden: Aber zur Abwechslung schauen wir doch mal darauf, was Gründer sonst noch alles auf die Beine stellen.

Diese Startups zeigen, wie man abseits vom Mainstream gründet

Wenn man René Noelle fragt, ob er denn eine „vertically integrated brand“ geschaffen habe, dann denkt er kurz nach und antwortet: „Ja, vertikale Marke trifft es schon ganz gut.“ Marke, nicht Brand: „Wir sind hier auf dem Land, da kommt man schon mit dem Begriff ‚Startup‘ nicht weit.“

Rietberg statt Prenzlauer Berg: René und seine Cousins Dominik und Jan haben ihre Premium-Möbelmarke Goldau & Noelle da gegründet, wo sie herkommen. In Ostwestfalen. Wo von je her Möbel gebaut wurden, seit Jahren aber immer weniger, seit der Preisdruck die Hersteller „nach Polen und mittlerweile noch weiter“ treibt. Und genau hier bauen die drei jetzt ihre puristischen Designermöbel, die sie nur online vertreiben, weil sie im Einzelhandel unbezahlbar wären. Das Geld kommt von der Sparkasse, das jährliche Umsatzwachstum liegt bei 100 Prozent, Fachkräftemangel ist kein Thema.

Diese Startups zeigen, wie man abseits vom Mainstream gründet

René Noelle und die beiden Goldaus gehören zu einer Gruppe von Gründern, die herausstechen aus dem üblichen Startup-Schema, den Food-Lieferdiensten und Fintechs. Sie sind Preisträger der Auszeichnung „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“. Seit neun Jahren vergibt die Bundesregierung schon diesen Titel an eine Auswahl von jeweils 32 Teams, wie man sie anderswo schwer findet.

Was auch daran liegt, dass man die Zielgruppe dieser Auszeichnung, die Kultur- und Kreativwirtschaft, so schwer auf einen Nenner bringen kann. Das Spektrum umfasst diesmal klassisches Handwerk und experimentelle Mode, Psychotherapie und Recycling-Baustoffe, ländliche Coworking-Spaces und Häftlings-Projekte, Musik-Business und Wasseraufbereitungstechnik. All diese Gründerinnen und Gründer sind Teil einer Branche, die 158,6 Mrd. Euro Jahresumsatz macht. Über sie gibt es Studien über Studien, eine Initiative der Bundesregierung und eine offizielle Definition der Wirtschaftsministerkonferenz – das erfahren die meisten erst dann, wenn sie sich um den Titel „Kultur- und Kreativpilot“ bewerben.

Auch bei den Menschen hinter den Projekten ist alles dabei, von den Idealisten im Frühstadium bis zu datengetriebenen Hardcore-Gründern. „Wir sind da irgendwo in der Mitte“, sagt Lukas Bosch von Holycrab!. Dass er gerade Zeit hat, sich neben der GmbH-Gründung auch um den philosophischen Aspekt seines Projekts zu kümmern, hat mit der Jahreszeit zu tun. Erst im März kommt Holycrab! wieder an den Rohstoff, den das Startup im Mai 2019 auf die Teller bringen will: den amerikanischen Sumpfkrebs, eine eingeschleppte Art, die sich in hiesigen Gewässern viel zu wohl fühlt. „Dass es sich hierbei wirklich um ein ernsthaftes Problem handelt – das sich zudem rasant vermehrt - haben die Leute erst kapiert, als sich die Krebse plötzlich auch auf den Fahrradwegen des Berliner Tiergarten tummelten und über den Großen Stern marschierten“, sagt Lukas. „Alle sagen, der Krebs hätte keine natürlichen Fressfeinde – dabei sind das wir, wir alle.“

Holycrab! entstand in einem dieser „ich kann nicht glauben, dass das noch keiner macht“-Momente: „Da war dieser Artikel über invasive Arten wie den Sumpfkrebs, die sich in Europa unkontrolliert vermehren“, sagt Mitgründerin Juliane Bublitz. „Die Länder und Kommunen müssen Pläne vorlegen, wie sie damit umgehen. Und Berlin ist bisher die einzige Stadt, die das Problem durch Befischung angeht, also die Tiere wirklich für den Teller freigibt und nicht nur für die Biogasanlage.“ Wofür die Tiere wirklich viel zu schade sind, wie Mitgründer Andreas Michelus findet: Wenn er nicht im Hotel de Rome kocht, arbeitet er an Rezepten, in denen er das Krebsfleisch mit Wildkräutern und regionalen Gemüsen paart.

Dass Schalentiere aus regionalem Wildfang ein absolutes Premiumprodukt sein, habe man zum Beispiel in China längst erkannt, der Heimat der Chinesischen Wollhandkrabbe: „Die importieren inzwischen Wollhandkrabben aus Deutschland, weil bei denen die Gewässer zu verschmutzt sind.“

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Von der Auszeichnung als Kultur- und Kreativpilot erhofft sich das Holycrab!-Team Rückenwind für die Zusammenarbeit mit Behörden und Zulieferern– nicht nur in Berlin: „In Karlsruhe zum Beispiel haben sie Probleme mit dem Kalikokrebs, in Frankfurt sprechen wir über Nilgänse.“ Behörden müssen die Tiere zur Jagd oder Befischung freigeben, die Schadstoffbelastung muss getestet, örtliche Jäger und Fischer als Partner gewonnen werden.

Dass jetzt alles so schnell geht, überrascht die Gründer selber. „Wir hatten die Idee am 6. Mai 2018, die Bewerbung als Kultur- und Kreativpilot haben wir uns eigentlich nur als Deadline gesetzt, um in die Puschen zu kommen.“

Auch Zacharias Wittmann steckt mitten in der Gründung; und auch er hat aus einem „ich kann nicht glauben, dass das noch keiner macht“-Moment heraus gegründet. Besser gesagt: „,Dass das IMMER NOCH keiner macht.“ Denn Zacharias will ein Problem angehen, an dem sich einfach nichts ändert. Als Basketballspieler ist er jahrelang zu Trainings und Turnieren getourt und stand immer wieder vor demselben Problem: Er kam mit dem Rollstuhl nicht in die Bahn oder nicht aus der Bahn und auch sonst an allerlei Orte nicht. „Meistens würden hier kleine Hilfestellungen reichen, zum Beispiel an Treppenstufen“, sagt er. „Da wichtig ist vor allem, dass bei Bedarf jemand da ist.“

Die Lösung des Problems liege auf der Hand: „Mit Behindertenausweis kann ich eine Begleitperson gratis in der Bahn mitnehmen, auch auf Konzerte und andere Veranstaltungen. Dann können wir doch einfach Menschen zusammenbringen, die dasselbe Reiseziel haben und jeder zahlt nur die Hälfte.“

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Im Vordergrund steht nicht der Hilfsgedanke, sondern das gemeinsame Erlebnis, sagt Zacharias. „Wir wollen Menschen zusammenbringen, die die gleichen Interessen haben. So heben wir Inklusion auf eine neue Ebene.“ Aus der Idee ist inzwischen Companion2Go geworden. Mit Unterstützung durch das Frankfurter Social Impact Lab, Stipendien und Preisgeldern hat das Team einen Gutteil der App-Entwicklung geschafft. „Und im ersten Workshop mit den Kultur- und Kreativpiloten haben wir nochmal an unserem PR-Konzept gearbeitet und das Auftreten vor der Kamera geübt, das war extrem hilfreich.“

Bei Markus Schwarzer hat Zacharias bleibenden Eindruck hinterlassen: „Da hat man einfach Bock, dabei zu sein. Gerade weil die Jungs das nicht als Sozialprojekt sehen, das hat einfach so viel wirtschaftliches Potenzial.“ Was Markus nicht einfach so daher sagt. Denn er und die Mitgründer des Startups Groovecat sind, wie er sagt „krasse Feedback-Bienen“. Heißt: Sie testen auf die harte Tour, ob ihr Produkt etwas taugt.

Einen Tag vor dem Abflug nach New York stapeln sich im Mannheimer Büro die Flyer, mit denen sie zwischen ihren Geschäftsterminen durch die U-Bahnen ziehen werden. „Einfach die Leute anlabern“, zum Download ihrer App einladen und Feedback einsammeln. „Wir sind komplett datengetrieben, und das Arbeiten mit Investoren hat uns härter und analytischer gemacht –aber auch begeisterungsfähiger.“

In New York werden sie mit Werbeagenturen und Filmproduktionsfirmen sprechen über ihre App, mit der Menschen eine Art musikalisches Tagebuch führen können. „Stell dir vor, du schaust dir nach einer Reise dein Fotoalbum an und weißt zu jedem Bild, welche Musik du in dem Moment gehört und wie du dich da gefühlt hast.“ Tatsächlich war das ein Produkt, das sich Markus nach seiner letzten großen Reise gewünscht hatte, „denn wie man Musik in Bezug auf einen Ort und eine Stimmung bisher auf sozialen Medien teilen kann, ist ziemlich lame.“ Mit Groovecat können Nutzer ein Foto oder kurzes Video aufnehmen, dazu ein Gefühl ausdrücken, gespeichert wird das zusammen mit dem Ort und der Musik, die in dem Moment zum Beispiel über Spotify läuft.

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Interessant daran sind die Daten, sagt Markus. Nicht die Daten des einzelnen Nutzers – sondern die Gesamtperspektive auf alle Nutzer: Welche Musik löst in welchen Situationen welche Emotionen aus? „Das sind Fragen die sich jeder Filmemacher, jede Werbeagentur stellt“, sagt Markus. „Und wenn man sich mal ansieht, wie Musik tatsächlich ausgewählt wird, dann sehen wir hier viel Raum für Neues . Wir geben ein statistisches, AI-getriebenes Backbone.“

Im klassischen Investoren-Pitch sei so ein komplexes Konzept schwer vermittelbar, sagt Markus. „Unsere Investoren waren alle zuerst als Berater dabei, und nach einem halben Jahr hatten die Bock, einzusteigen.“ Ausgezahlt hat sich dabei auch die Entscheidung, nicht in eine der Startup-Metropolen zu gründen, sondern in Mannheim, wo die drei Gründer an der Popakademie studiert haben: Einer der drei Investoren ist die Stadt Mannheim selbst. „Orientiert euch beim Gründen nicht nur an den überlaufenen Städten“, rät Markus anderen Gründern. „Anderswo haben die richtig Bock auf euch.“

Text: Georg Dahm
Fotos: Goldau & Noelle Manufaktur; Nino Halm; Sarah Hofmann; Nadja Capellmann

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