Filterblasen platzen lassen
Filterblasen platzen lassen

Filterblasen in den sozialen Medien bestätigen die eigene Meinung und tragen so zur Polarisierung der Bevölkerung bei. Kann so ein offener politischer Diskurs entstehen? Das Start-Up The Buzzard aus Esslingen bezweifelt das, gibt alternativen Meinungen eine Plattform – und bringt so frischen Wind in die politische Debatte.

The Buzzard lassen Filterblasen platzen!

Filterblasen in den sozialen Medien bestätigen die eigene Meinung und tragen so zur Polarisierung der Bevölkerung bei. Kann so ein offener politischer Diskurs entstehen? Das Start-Up The Buzzard aus Esslingen bezweifelt das, gibt alternativen Meinungen eine Plattform – und bringt so frischen Wind in die politische Debatte.

The Buzzard lassen Filterblasen platzen!

Filterblasen platzen lassen

Der Plan stand eigentlich fest: Dario Nassal und Felix Friedrich wollten als Politik-Journalisten in einer Redaktion Fuß fassen. Erfahrung genug hatten die beiden bei diversen Praktika und freier Mitarbeit während ihres Politikwissenschaftenstudiums schon gesammelt. Nach Stationen bei namhaften Tageszeitungen, wie der Süddeutschen Zeitung und dem Mannheimer Morgen, sowie den Fernsehsendern ZDF und RTL sollte nun, Ende 2015, der Schritt in eine Festanstellung gelingen. Doch dann kam den beiden ihr Projekt „The Buzzard“ dazwischen“, sagt Dario. „Dass wir Unternehmer geworden sind, war im Prinzip eine Art glücklicher Unfall“, sagt Felix.

Die beiden Studenten fragten sich damals, wie es eigentlich um den arabischen Frühling steht. „Dabei ist uns aufgefallen, dass es vier Jahre nach den Ereignissen keine echte Möglichkeit gab, rauszufinden, wie die Lage in den Ländern ist. Und vor allem auch, dass wir keine Ahnung hatten, was Stimmen von Bloggern und Aktivisten vor Ort eigentlich zur Lage schreiben“, erinnert sich Dario. In deutschen Medien wurde zur der Zeit kaum noch und wenn nur aus einer Perspektive über die Maghreb-Staaten berichtet – und Blogger oder Journalisten vor Ort waren den beiden nicht nur weitgehend unbekannt, sondern dazu auch ohne Hintergrundwissen nur schwer in ihrer Seriosität und Unabhängigkeit einzuschätzen. Die Studenten waren verblüfft und elektrisiert zugleich: Ein so bedeutendes Thema und weit und breit keine einfach zugänglichen Informationen darüber.

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Ihr Gedanke: „Es wäre doch cool, eine Art Vogelperspektive einzunehmen und so den afrikanischen und arabischen Raum von oben wahrzunehmen und die Leute vor Ort fragen zu können, wie die Lage ist.“ Und so gründeten sie einen Geo-Blog, auf dem Journalisten und Blogger, deren Glaubwürdigkeit sie prüften, ihre bereits geschriebenen Artikel nach Themen und Ort taggen konnten. „Wie ein Bussard aus der Luft konnten die Leser so sehen, wer wo über was schreibt“, erklärt Dario den Namen ihrer Plattform. Das habe es dem Leser sehr einfach gemacht, auf andere Sichtweisen außerhalb der großen Medienhäuser zuzugreifen.

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„Genau dieser Perspektivenwechsel ist heute extrem wichtig, um gesellschaftliche und politische Probleme zu erkennen und zu verstehen“, sagt Dario. Das betreffe zum Beispiel die Griechenland-Debatte. „Die Perspektive des einzelnen griechischen Bürgers, der für den Fehler des Bankensystems geradestehen muss, hilft zu verstehen, warum die Sanktionen gegen das Land von den Griechen so ungerecht empfunden wurden“, sagt Dario. Solche Geschichten finde man aber eben selten in der eigenen Filterblase. Nicht nur die beiden Gründer sahen das so: „Wir waren echt überrascht, wie schnell und gut das lief“, sagt Felix. Schnell stand daher auch die Frage nach der langfristigen Finanzierung im Raum.

"Genau dieser Perspektivenwechsel ist heute extrem wichtig, um gesellschaftliche und politische Probleme zu erkennen und zu verstehen."

In dieser Zeit bewarben sich die beiden bei den Kultur- und Kreativpiloten. „Das erste Coaching war konstruktiv und destruktiv zugleich“, erinnert sich Felix. Destruktiv, weil die Gründer einsehen mussten, dass ihre ursprüngliche Idee vermutlich nicht funktionieren würde; konstruktiv, weil Felix und Dario lernten, ganz neu über The Buzzard nachzudenken und sich darauf einließen einen neuen Produktkern zu finden. Anders als sie dachten, war nicht die Karte auf dem Blog ihr Alleinstellungsmerkmal, sondern die Vielfalt der Perspektiven. „Das hat uns dazu gebracht, erst inhaltlich zu denken und dann zu überlegen, wie wir diese Inhalte visualisieren“, sagt Felix. „Daher haben wir die Geoblogging-Plattform erst mal verworfen und sind dann neu gestartet. Dieses Mal ganz schlank – mit einem Newsletter.“ Darin versuchen die beiden Macher, die politischen Themen abseits der großen Bühnen zu bedienen. Zum Beispiel, warum so viele Menschen für Erdogan stimmen. Oder was Separatisten in der Ukraine denken?

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„Wir beleuchten immer zwei Seiten einer politischen Debatte: die Perspektive der Befürworter und die der Gegner. Dazu gibt es noch Geschichten, die Grautöne und andere mögliche Sichtweisen offenlegen“, sagt Felix. Seit Anfang Juni ist neben dem Newsletter auch ihre Website unter thebuzzard.org online. Der „politische Meinungsnavigator und Filterblasen-Burster“, wie Dario und Felix ihre Plattform nennen, kommt an: 3.500 Nutzer und mehr als 20.000 Seitenaufrufe verzeichnet die Seite bereits in den ersten beiden Monaten. Finanzieren wollen Dario und Felix ihr Projekt über zwei verschiedene Standbeine: zum einem über Abos für den politisch interessierten Bürger, die um acht bis zehn Euro pro Monat kosten solle, zum anderen über ebenfalls kostenpflichtige noch umfangreichere Zugänge für Personen, die sich beruflich mit solchen Themen beschäftigen. „Uns schweben da Parteifunktionäre, NGOs oder Gewerkschaftler vor“, sagt Felix. Hier peilen die Buzzard-Macher 50 Euro und mehr an. Eine Basisversion werde aber auch kostenfrei bleiben, so Felix.

„Wenn man den Leuten die Möglichkeit gibt, sich tiefergehend mit komplexen Themen zu beschäftigen, werden sie sie auch nutzen“, sind sich Dario und Felix sicher. Die Situation mit Trump und der wachsende Populismus zeigten, dass das auch gefragt ist, sagen die Buzzard-Gründer: „Es gibt wieder mehr Menschen, die auf Demonstrationen gehen. Und es wird wieder passioniert über Politik diskutiert.“ Die Chancen, dass sich The Buzzard im Haifischbecken der Mediengründungen etabliert, stehen nicht nur deshalb gut. Erst vor einigen Wochen haben die Gründer für die Weiterentwicklung ihrer Plattform 50000 Euro von der Google Digital News Initiative erhalten. „Mit dem Geld werden wir untersuchen, inwieweit Algorithmen und künstliche Intelligenz die Recherche unserer menschlichen Kuratoren unterstützen und erleichtern können“, sagt Felix. Mehr Durchblick bei komplexen Themen wird jedenfalls nötig sein – einfacher zu verstehen wird die Welt in Zukunft sehr wahrscheinlich nicht.

"Wenn man den Leuten die Möglichkeit gibt, sich tiefergehend mit komplexen Themen zu beschäftigen, werden sie sie auch nutzen."

Bildercredits: William Veder, The Buzzard, William Veder

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